Es gibt etwas, das alle Menschen kennen, die coachen:
Du hast eine Frage richtig gute Frage gestellt. Also eine, die zum Nachdenken anregt, die einlädt, die Perspektive zu wechseln, die Tiefe hat – was auch immer.
Und dein Gegenüber antwortet nicht. Entweder wirklich gar nicht, oder nicht so, wie du es dir vorgestellt hast. Leicht am Thema der Frage vorbei oder mit einem Halbsatz, der sich nicht danach anfühlt, dass sich wirklich etwas bewegt hat.
Und dann passiert ganz häufig Folgendes: Du springst zur nächsten Frage oder zur nächsten Technik oder Intervention. Zum Lebensrad. Zur Ausnahme-vom-Problem-Frage. Zur Ressourcenarbeit. Irgendetwas, das den Moment rettet. Irgendwas, das dir selbst beweist, dass du weißt, was du tust. 😉
Dieses Verhalten nennt man „Oberdelivern“ – du bietest zu viel an und überforderst damit dein Gegenüber.
Und viele verwechseln das mit „Dranbleiben“. Dabei ist das etwas völlig anderes!
Und der Unterschied ist entscheidend.
Dranbleiben heißt nicht: nochmal fragen oder etwas Neues fragen.
Das ist das häufigste Missverständnis, das ich in Supervisionssessions sehe. Jemand bleibt dran – aber das Dranbleiben fühlt sich an wie Insistieren oder Overdelivern. Entweder jemand springt zur nächsten Intervention, oder aber er übt fast Druck aus: Ich habe hier eine Frage gestellt. Ich hätte gerne eine Antwort. Du kommst da nicht raus. Deshalb formuliere ich nochmal neu oder poche auf die Antwort.
Das spürt dein Gegenüber. Und zwar immer.
Und blöderweise passiert dann meist genau das, was du verhindern wolltest: Es wird eng im Nervensystem deiner Klientin.
Was sie in dem Moment empfindet, ist nicht: Wow, was für eine tolle Begleiterin, die mich klar führt.
Sondern: Die Brust zieht sich zusammen. Der Kopf dreht sich im Kreis. Das System sperrt sich – nicht gegen dich persönlich, sondern gegen den Druck, der im Raum entstanden ist.
Kein Wunder, dass dann keine Antwort kommt.
Die eigentliche Frage ist also: Was ist „Dranbleiben“ genau? Und wie fühlt sich dein Dranbleiben an?
Nicht für dich. Für den anderen.
Dranbleiben mit Leichtigkeit sieht zum Beispiel so aus: Du hast jemandem die Wunderfrage gestellt, und er sagt, er weiß nicht, woran er merken würde, dass das Wunder geschehen ist. Statt nochmal nachzuhaken – wirklich, an nichts? – könntest du sagen:
Vielleicht musst du erst aufstehen und ein paar Schritte laufen, bis es sich zeigt.
Kannst du den Unterschied wahrnehmen? Da ist Raum in der Frage. Ein Spielraum und die unausgesprochene Botschaft: Du hast Zeit. Es muss jetzt noch nicht fertig sein. Ich lasse dich nicht los, aber ich drücke dich auch nicht.
Das ist Dranbleiben.
Warum wir trotzdem „springen“ und „overdelivern“.
Wir tun das, weil Stille sich manchmal anfühlen kann wie Versagen. Weil eine Pause, in der jemand nichts sagt, sich für uns oft so anfühlt, als ob wir gerade die falsche Frage gestellt haben. Zu viel gewartet. Zu wenig geführt. Zu wenig geholfen.
Das ist unser Thema. Nicht das des Klienten.
Wenn ich merke, dass ich innerlich schon bei der nächsten Frage bin, während mein Gegenüber noch der aktuellen nachspürt – dann bin ich nicht mehr im Joining. Dann bin ich in der Verschmelzung mit meiner eigenen Angst, nicht gut genug zu sein.
Und das überträgt sich. Nervensysteme sprechen miteinander. Was in mir ist, landet im Raum.
Ich kann das natürlich verhindern, wenn ich in der Lage bin, den anderen jenseits der Worte zu lesen. Die vier NeQra®-Logiken helfen dabei (www.savina.de/neqra)
Dranbleiben hat auch eine zweite Seite.
Es geht nicht nur darum, bei einer Frage zu bleiben. Es geht darum, bei dem zu bleiben, was der Klient wirklich sagt – auch wenn das etwas ganz anderes ist als das, was du erwartet hast.
Stell dir vor: Du hast eine Ressourcenfrage gestellt. Jemand antwortet kaum. Ihm fällt nur der Tanzkurs ein. Aber als er den erwähnt, sieht das gar nicht aus wie eine Ressouece: Kein Leuchten. Kein Aufatmen. Nichts. Und du denkst: falsche Ressource… ich frag mal weiter, ob er noch eine hat.
Oder aber du bleibst dran. Das bedeutet, du fragst nach. Noch eine Ebene tiefer als du vorhin gefragt hast. „Oh.. tanzen.. da bin ich jetzt neugierig. Magst du bisschen mehr erzählen? Was sind das für Tänze?“ Und plötzlich fängt dein Gegenüber an, zu reden. Er erzählt dir, dass er das schon seit sechs Jahren jeden Donnerstag mit seiner Frau macht. Sechs Jahre! Und seitdem haben sie wieder zueinander gefunden.
Und auf einmal verändert sich etwas! Er beginnt zu strahlen.
Das wärst du nicht dort angekommen, hättest du nach dem ersten leeren Moment aufgegeben. Manchmal braucht das System einen Moment, um sich zu erinnern, dass da etwas ist. Deine Aufgabe ist nicht, das zu beschleunigen – sondern dabei zu bleiben, bis es sich zeigt.
Und wenn es wirklich nicht geht?
Dann ist das auch eine Information.
Wenn du mit Leichtigkeit drangeblieben bist, spielerisch, offen, ohne Druck – und es tut sich trotzdem nichts, dann bist du meist an einer Stelle, die tiefer geht als die Technik in diesem Moment reicht. Manchmal geschieht das aufgrund von Trauma. Manchmal ist es auch nur, dass das System gerade schlicht etwas anderes will. Und manchmal ist es der sogenannte Krankheitsgewinn – die unbewusste Entscheidung, das Problem lieber zu behalten.
Keines davon ist ein Fehler. Alles davon sind immer nur Hinweise darauf, wo dein Gegenüber gerade steht.
Und der wichtigste Hinweis von allen: Das System weiß, was es braucht. Deine Aufgabe ist nicht, es zu überzeugen – sondern es zu lesen und dann mitzugehen.
Dranbleiben heißt also:
Nicht loslassen. Aber auch nicht drücken. Präsent bleiben, ohne Agenda. Offen, ohne ziellos zu sein. Spielerisch, ohne das Anliegen aus dem Blick zu verlieren.
Die Räume zwischen den Fragen sind nicht leer.
Sie sind der Prozess.



