Wir sind so konditioniert auf Ergebnis und Fortschritt, dass wir einen der wertvollsten Momente im Coaching-Prozess regelmäßig überspringen. Den Moment, in dem jemand eine sehr wichtige Erkenntnis hat.
Die Erkenntnis ist nicht das Ergebnis oder die Lösung für das gesamte Thema. Aber ein so wichtiger Schritt, dass diesen zu übergehen für den gesamten Prozess schädlich wäre.
Mal angenommen, jemand kommt seit Wochen ins Coaching wegen seiner Arbeit. Dort gibt es Kommunikationsprobleme, Stress und ein Thema mit Abgrenzung.
Und dann, irgendwann, mitten in einer Sitzung, wird diesem Klienten klar: Die Arbeit ist gar nicht das Thema. Es ist die erwachsene Tochter, die gerade die Ausbildung abgebrochen hat oder der Sohn, der das Abi nicht macht und kurz davor jetzt die Schule verweigert. Es geht also eigentlich um die Last, die sich zu Hause angesammelt hat und nirgendwo hin kann.
Das ist eine enorm wichtige Erkenntnis, weil sie den Kern des Problems zeigt.
Sie löst natürlich erstmal noch gar nichts, aber das ist völlig in Ordnung.
Und jetzt tu genau: nichts.
Sondern warte!
Warum wir trotzdem zu schnell weiterwollen
Wir denken: jetzt, wo das Thema klar ist, können wir doch direkt in die Lösung eintauchen. Aber wenn wir den Schritt der Erkenntnis und deren Wirkung überspringen oder zu schnell übergehen, kommen wir eher weiter weg von der Lösung als schneller zum Ziel.
Eine Erkenntnis braucht zuerst nichts anderes als Raum. Keinen nächsten Schritt. Keinen Aktionsplan. Keine Hausaufgabe.
Wir wollen hilfreich sein und denken: Wenn uns jemand beauftragt hat, bei einem bestimmten Thema eine Lösung zu finden, dann müssen wir jetzt auch liefern. Und wir haben ja auch gute Werkzeuge, um jetzt weitermachen zu können.
Das ist nicht grundsätzlich falsch. Aber oft ist es einfach zu viel.
Wenn jemand gerade verstanden hat, dass sein Thema nicht die Arbeit ist, sondern das, was er zu Hause vorfindet – dann braucht das Raum und keinen nächsten Schritt.
Lass es landen. Auch fürs Landen lassen gibt es gute Techniken (die du bei mir lernen kannst 😉 )
Was passiert, wenn ein Klient im Coaching eine wichtige Erkenntnis hat?
Eine Erkenntnis kann einen Teil des eigentlichen Kerns eines Themas zeigen, löst dabei aber noch nichts. Sie ist nicht die Lösung selbst, sondern ein entscheidender Zwischenschritt, den zu überspringen dem gesamten Prozess schaden würde.
Warum sollte ich nach einer wichtigen Erkenntnis nicht sofort zur nächsten Lösung übergehen?
Weil eine Erkenntnis zuerst Raum braucht, keinen nächsten Schritt. Wird dieser Moment übersprungen oder zu schnell weitergemacht, entfernt man sich eher von der eigentlichen Lösung, statt ihr näherzukommen.
Woran erkenne ich, dass gerade eine echte Erkenntnis stattgefunden hat?
Meist verschiebt sich in diesem Moment das gesamte Verständnis des Themas – ein Klient, der wochenlang über ein Thema wie Arbeitsstress gesprochen hat, erkennt plötzlich, dass eigentlich eine ganz andere, tieferliegende Belastung dahintersteckt. Dieser Wechsel im Verständnis ist selbst schon der wichtige Schritt.
Warum neigen Coaches dazu, nach einer Erkenntnis zu schnell weiterzumachen?
Weil das Gefühl entsteht, jetzt liefern zu müssen – schließlich gibt es einen Auftrag und passende Werkzeuge, um weiterzuarbeiten. Das ist nicht grundsätzlich falsch, aber in diesem Moment oft einfach zu viel für den Prozess.
Was sollte ich als Coach tun, nachdem eine wichtige Erkenntnis sichtbar geworden ist?
Zunächst nichts – warten und Raum geben, statt sofort einen nächsten Schritt, einen Aktionsplan oder eine Hausaufgabe einzufordern. Die Erkenntnis braucht Zeit, um wirklich zu landen, bevor sinnvoll weitergearbeitet werden kann.
Bedeutet Raum geben, dass im Coaching gar nichts passiert?
Nein, das bewusste Nicht-Handeln ist selbst eine aktive Begleitung. Es gibt gezielte Techniken, um eine Erkenntnis landen zu lassen, statt sie einfach ungenutzt verstreichen zu lassen – dieses Innehalten ist Teil der eigentlichen Coaching-Arbeit, nicht deren Unterbrechung.