Führen und Folgen – Teil 3

Es gibt einen Test, den man sich selbst zumuten kann. Stell dir vor, eine Sitzung wird aufgezeichnet. Du drückst auf Pause, völlig egal, zu welchem Zeitpunkt. Du hast gerade etwas gesagt oder gerade geschwiegen oder etwas gefragt. Wenn jetzt jemand sagen würde: Was ist der Grund, dass du genau das genau jetzt gemacht oder gesagt oder gefragt hast?

Wenn man diese Frage nicht beantworten kann, ist man nicht mehr wirklich beim Prozess des Gegenübers. 

Gutes Begleiten bedeutet, zu jedem Zeitpunkt zu wissen, was man tut – und warum. Nicht weil man einem Schema folgt, das vielleicht passt, aber für viele dann eben auch nicht, sondern weil man das Nervensystem des Gegenübers liest und aus dem, was man dort liest, entscheidet, was der nächste Schritt ist. 

Z.B.: „Ich habe an dieser Stelle nichts gesagt, weil ich gesehen habe, dass gerade etwas in ihm arbeitet und er Raum braucht.“ oder „Ich habe jetzt eine Frage gestellt, weil sein Blick mich gesucht hat und ich gespürt habe, er braucht jetzt einen Impuls von außen.“

Das ist der Unterschied zwischen einer Schablone und echter Begleitung.

Eine Schablone funktioniert manchmal. Das ist aber eher zufällig und nicht wissentlich reproduziertbar. Und die Schablone wird unsinnig, wenn das, was der Klient gerade braucht, nicht dem übereinstimmt, was als nächstes drankommt. Wenn es also funktioniert, ist es Zufall, aber kein Handwerk.

Handwerk ist: Ich sehe, was gerade da ist. Ich entscheide bewusst. Und wenn ich nichts tue, dann ist auch das eine Entscheidung.

Das lernt sich nicht über Nacht. Aber es ist das, worauf alles andere aufbaut. Denn zwischen „ich spule ein Programm ab” und „ich begleite einen Menschen” liegt genau dieser Unterschied – ob ich weiß, was ich tue. Oder eben nicht.


Was bedeutet es, im Coaching wirklich „beim Prozess” des Klienten zu sein?

Es bedeutet, zu jedem Zeitpunkt begründen zu können, warum man genau in diesem Moment etwas gesagt, gefragt oder geschwiegen hat. Wer diese Frage nicht beantworten kann, folgt gerade nicht mehr dem, was beim Klienten tatsächlich passiert, sondern einem eigenen Ablauf im Kopf.


Woran erkenne ich, ob ich als Coach bewusst begleite oder nur einem Schema folge?

Ein guter Test: Könntest du an einer beliebigen Stelle der Sitzung erklären, warum genau dieser Schritt jetzt richtig war – etwa „ich habe geschwiegen, weil gerade etwas in ihm gearbeitet hat”? Wenn eine klare Begründung fehlt, war es vermutlich Reflex oder Schema oder Bauchgefühl, das nicht faktisch erklärbar ist, nicht bewusste Entscheidung.


Warum reicht eine feste Coaching-Schablone oder ein Ablaufmodell nicht aus?

Weil eine Schablone nur zufällig zum tatsächlichen Bedarf des Klienten passt. Stimmt das, was als Nächstes im Schema vorgesehen ist, nicht mit dem überein, was der Klient gerade wirklich braucht, wird die Schablone wirkungslos oder sogar hinderlich.


Ist es nicht auch okay, wenn eine feste Vorgehensweise einfach zufällig funktioniert?

Zufällig funktionieren kann sie, und natürlich ist es für die jeweilige Person okay in dem Moment, aber das ist kein wiederholbares Handwerk. Handwerk bedeutet, bewusst zu erkennen, was im Moment da ist, und daraus gezielt zu entscheiden. Was nur zufällig passt, lässt sich beim nächsten Klienten nicht verlässlich wiederholen.


Wie kann ich als Coach überprüfen, ob ich wirklich präsent begleitet habe?

Ein einfacher Selbsttest: Stell dir vor, eine Aufzeichnung deiner Sitzung wird an einer beliebigen Stelle angehalten, und jemand fragt dich, warum du genau das getan hast. Kannst du das klar beantworten, bist du im Prozess. Bleibt die Antwort vage, lohnt sich ein genauerer Blick auf die eigene Präsenz.


Ist bewusstes Nichtstun im Coaching auch eine Entscheidung?

Ja, auch nichts zu tun kann eine bewusste, begründete Entscheidung sein. Etwa Raum zu lassen, weil im Klienten gerade etwas arbeitet. Entscheidend ist nicht, ob gehandelt oder geschwiegen wird, sondern ob dahinter eine klare Wahrnehmung des Moments steht.

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