Du sitzt im Gespräch und Dein Gegenüber redet und redet. Und irgendwo auf dem Weg ist das Thema verschwunden, der Faden verloren, der Prozess eingeschlafen. Du spürst es deutlich, und…
…tust – nichts.
„Das gehört sich nicht” und „Aber der Prozess läuft gerade nirgendwo hin” wechseln sich in deinen Gedanken ab.
Unterbrechung ist unhöflich. Unterbrechung bedeutet: Ich höre dir nicht wirklich zu.
Im Coaching stimmt das nicht.
Du spürst den Moment. Immer
Das ist das Erstaunliche. Wenn ich mir Prozesse in der Supervision anschaue und an einer Stelle stoppe und sage: „Hier wäre der Moment gewesen, um zu unterbrechen“, dann kommt ausnahmslos immer dieselbe Antwort: Ja, das habe ich gespürt.
Das Thema ist also nicht, ob du es spürst. Das Thema ist, ob du dich traust.
Wann wir im Coaching unterbrechen
Es gibt im Wesentlichen zwei Momente.
Der erste: Dein Gegenüber vergaloppiert sich. Das Gespräch verlässt den Prozess. Es geht eigentlich um nichts mehr, und der Klient verweilt überhaupt nicht mehr irgendwo in Gedanken oder im Spüren. Er/sie galoppiert weg. Das bringt weder dir noch dem anderen etwas.
Der zweite: Du weißt selbst nicht mehr, wo ihr seid. Wenn du den Faden verloren hast – dann darfst du natürlich auch unterbrechen, um Klarheit zu schaffen. Sonst kannst du nicht mehr gut begleiten, weil du selbst schwimmst.
Unterbrechen ist kein Eingriff – es ist ein Dienst
Wenn du wirklich beim anderen bist – nicht bei dir, nicht bei deinem Bild davon, wie du rüberkommen möchtest – dann weißt du: Unterbrechen an der richtigen Stelle dient dem Gegenüber. Ob er das im ersten Moment gut findet oder nicht, spielt erstmal keine Rolle.
Der Coach-Job, wenn er wirklich gut gemacht ist, ist nichts fürs Ego. Wenn jemand nach einer Sitzung denkt, das hat sich irgendwie von selbst ergeben, hast du so fein gearbeitet, dass der Klient denkt, du hast gar nichts gemacht. Das ist das Schönste, was passieren kann. Er fühlt, dass er aus sich heraus – ganz selbstbestimmt – zu seiner Lösung gekommen ist. Das erzeugt Freiheit und keine Abhängigkeit.
Was schlechtes Unterbrechen ist
Es gibt natürlich auch das Unterbrechen, das nichts bringt.
Jemand spricht und ist dabei ganz präsent bei seinem Thema. Er ist noch nicht fertig, aber du unterbrichst, weil du schon eine Idee hast, wie es weitergehen kann… weil du schon eine Lösung siehst und denkst zu wissen, wo es hingeht.
Das ist keine Begleitung. Das ist Ungeduld.
Solange jemand wirklich noch beim Thema ist, lässt du ihn ausreden. Klappe halten ist erstmal immer die beste erste Lösung.
Was, wenn du dich trotzdem nicht traust?
Dann lohnt sich eine ehrliche Frage an dich selbst: Wovor habe ich eigentlich Angst?
Oft ist die Antwort: Ich habe Angst, dass der andere das nicht gut findet. Dass ich störe oder falsch liege. Und dass er dann nicht mehr kommt, weil ich so unhöflich war.
Aber schau genau hin: Wenn du Angst davor hast, was der andere über dich denkt – dann bist du gerade mehr bei dir als bei ihm. Das ist keine Rücksichtnahme. Das ist dein eigenes Thema, das in den Raum kommt.
Und genau dafür ist Supervision da.
Häufig gestellte Fragen
Darf ich als Coach meinen Klienten unterbrechen?
Ja, an der richtigen Stelle ist Unterbrechen kein Zeichen mangelnden Zuhörens, sondern ein Dienst am Prozess. Anders als im Alltagsgespräch gilt im Coaching nicht, dass Unterbrechung grundsätzlich unhöflich ist – entscheidend ist, ob sie dem Prozess der Klientin dient.
Woran erkenne ich den richtigen Moment, um als Coach zu unterbrechen?
Meistens spürt man diesen Moment tatsächlich sehr genau – die Frage ist selten, ob man ihn wahrnimmt, sondern ob man sich traut, danach zu handeln. Zwei typische Situationen: Der Klient verlässt den eigentlichen Prozess und verweilt irgendwo im Nirgendwo, oder der Coach selbst hat den Faden verloren.
Warum zögern viele Coaches zu unterbrechen, obwohl sie den Moment spüren?
Meist aus Angst, unhöflich zu wirken oder beim Klienten schlecht anzukommen. Diese Sorge richtet den Fokus jedoch auf die eigene Wirkung statt auf den Klienten – ein Hinweis darauf, dass in diesem Moment mehr das eigene Thema im Raum ist als das des Gegenübers.
Ist Unterbrechen im Coaching nicht respektlos gegenüber dem Klienten?
Nicht, wenn es aus echter Präsenz geschieht und dem Prozess dient, statt dem eigenen Ego. Ob der Klient die Unterbrechung im ersten Moment gut findet, ist dabei zunächst zweitrangig – entscheidend ist, ob sie ihm auf dem Weg zu seiner eigenen Lösung hilft.
Wann sollte ich als Coach nicht unterbrechen?
Solange der Klient wirklich präsent bei seinem Thema ist, sollte er ausreden dürfen. Zu unterbrechen, nur weil man selbst schon eine Idee oder Lösung im Kopf hat, ist keine Begleitung, sondern Ungeduld – in diesem Fall ist Zuhören die bessere erste Wahl.
Was kann ich tun, wenn ich mich trotz des richtigen Moments nicht traue zu unterbrechen?
Eine ehrliche Frage an sich selbst hilft: Wovor genau habe ich Angst? Oft zeigt sich, dass die Sorge weniger dem Klienten gilt als der eigenen Wirkung. Solche Muster lassen sich gut in Supervision oder eigener Reflexion anschauen, statt sie im Coaching-Raum unbeachtet mitzuführen.



