Was bedeutet Raum halten eigentlich?

Es klingt so schön und einleuchtend: Raum halten. Und die meisten, die in Coaching oder Begleitung arbeiten, nicken, wenn sie es hören.

Aber wenn man dann fragt, was das konkret bedeutet, ist es gar nicht so leicht, ganz genau zu beschreiben, was eigentlich damit gemeint ist.

Viele sagen, es bedeutet, zu schweigen, wenn er andere gerade Zeit braucht für seine Gedanken. Oder auch freundlich guck und nicken, damit der andere sich gehört fühlt. Das kann zwar alles beim Raum halten geschehen, aber das ist nicht, was Raum halten tatsächlich ist.

Was Raum halten nicht ist

Wenn jemand sitzt und weint und du denkst: „Ich sollte jetzt was tun.“, dann bist du nicht dabei, den Raum zu halten, sondern eher im Helfen-Wollen, und das ist etwas anderes.

Wenn jemand erzählt, wie verzweifelt er ist, und du innerlich schon überlegst, was du sagen könntest, um es besser zu machen, auch dann bist du nicht im Raum halten, sondern eher in deinem eigenen Bedürfnis, die Situation zu lösen.

Wenn jemand mit einer Energie zu dir kommt, die schwer ist, dunkel, wütend, traurig, und du in Interaktion gehst mit dieser Energie (also selbst auch ganz traurig wirst und dich runterziehen lässt), auch dann bist du nicht im Raum halten, sondern in einer Dynamik zwischen deinen Emotionen und denen des Gegenübers.

Raum halten beginnt genau da, wo du aufhörst, auf das zu reagieren, was auf dich trifft. Oder noch sauberer ausgedrückt: Dort, wo du aufhörst, damit in eine Form von verstrickter Interaktion zu gehen.

Was dann tatsächlich passiert

Stell dir vor, jemand kommt zu dir und ist gerade wirklich in einer extrem schwierigen Situation. Es wurde ihm gekündigt und er hat jetzt große Geldsorgen. Es ist im Moment keine Lösung in Sicht. Die Person ist unzufrieden, vielleicht sogar kurz ungerecht dir gegenüber. Er oder sie pampt dich heftig an.

Was macht das mit dir?

Wenn du dich rechtfertigst, erklärst, Verständnis einforderst oder dich wehrst, dann bringst du dich ein. Mit deiner Energie, deinen Reaktionen und deinen Themen.

Wenn du aber wirklich im Raum halten bist, dann trifft diese Energie des anderen bei dir auf etwas, das sich nicht in der selben Dynamik mitbewegt. Das ist nicht kalt oder distanziert, sondern klar und stabil. Wie ein Container. Ein Gefäß, das groß genug ist, damit das, was der andere mitbringt, einfach darin aufgefangen wird. Deshalb spricht man hierbei auch davon, „Containment“ zu bieten.

Das ist eine Haltung und keine Technik.

Woher kommt der Impuls zu helfen?

Das lohnt sich wirklich anzuschauen.

Wenn jemand weint und du kaum aushalten kannst, dabei zu sitzen ohne etwas zu tun – wessen Bedürfnis ist das dann gerade? Meistens ist es nicht das des anderen. Es ist das eigene Bedürfnis, die Hilflosigkeit nicht aushalten zu müssen.

Diese Hilflosigkeit hat oft eine Geschichte. Wenn niemand neben dir war, der früher DEINE Hilflosigkeit einfach gehalten hat, ohne sie wegzumachen, ohne sie „wegzutrösten“, ohne etwas direkt lösen zu wollen, dann lernst du, dass Hilflosigkeit etwas ist, was man nicht aushalten kann und dass man etwas tun muss, wenn es einem anderen Menschen nicht gut geht. Dass man helfen muss.

Das ist zwar gut gemeint, aber es ist trotzdem nicht das, was der andere braucht.

Was Raum halten wirklich fordert

Es fordert, sich selbst zu regulieren. In dem Moment, wo etwas auf dich trifft, das einen bewegt oder triggert, zuerst bei sich anzukommen. 

Tief durchatmen, sich erden und sich klarmachen: Das ist SEINE Geschichte, nicht meine. Ich bin gerade Zeugin als Zuhörerin, aber nicht Mitbetroffene.

Das ist anstrengend, besonders am Anfang.

Und gleichzeitig passiert dabei etwas Merkwürdiges: Je mehr du wirklich Raum hältst, desto weniger anstrengend wird es. Weil du nicht mehr kämpfst mit deinen Mustern von „leisten müssen“, „Lösung finden müssen“, „richtig sein müssen“. Du bist einfach da.

Du bist nicht gefragt mit deiner Emotionalität, deinem Dich-Einmischen, deiner Energie, die gerade auftauchen möchte. Du bist Gefäß. Auch wenn das vielleicht zunächst ungewohnt klingt, ist es doch eines der größten Geschenke, das du einem Menschen machen kannst.

Und wenn dich trotzdem etwas trifft?

Das wird ziemlich sicher immer wieder mal passieren. 

Dann sagst du dir oder diesem Teil in dir innerlich sowas wie: „Ich kümmere mich gleich um dich. Lass mich gerade hier erst präsent sein. Danach bist du dran.“ Und danach schaust du dir an, was da aufgetaucht ist. In der Supervision, in einer eigenen Coaching- oder Therapie-Stunde. Oder für dich allein in Reflexion.

Das, was da aufgetaucht ist, ist nicht falsch, es gehört nur einfach nicht in diesen Raum.

Dieser Raum gehört dem anderen.



Was bedeutet „Raum halten” im Coaching konkret?

Raum halten bedeutet, nicht auf das zu reagieren, was emotional auf einen trifft, sondern stabil und klar zu bleiben, während der andere mit seiner Energie, seinem Schmerz oder seiner Wut aufgefangen wird. Es ist eine Haltung, kein Verhalten wie Schweigen oder Nicken – man wird selbst zu einem Gefäß, einem sogenannten Container.


Woran erkenne ich, dass ich gerade nicht wirklich Raum halte, sondern helfen will?

Ein Hinweis ist, wenn innerlich schon überlegt wird, was man sagen könnte, um die Situation zu verbessern, oder wenn man sich von der schweren Energie des Gegenübers selbst herunterziehen lässt. Auch der Impuls „Ich sollte jetzt etwas tun” zeigt, dass man sich gerade im Helfen-Wollen befindet statt im Raum halten.


Warum fällt es vielen Coaches schwer, einfach nur da zu sein, ohne zu helfen?

Weil dahinter oft die eigene Hilflosigkeit steht, nicht die des Gegenübers. Wer früher selbst nicht erlebt hat, dass die eigene Hilflosigkeit einfach gehalten wurde, lernt, dass sie unerträglich ist und sofort gelöst werden muss. Dieses Muster überträgt sich dann auf die Arbeit mit anderen.


Ist es nicht respektlos, bei starken Emotionen des Gegenübers einfach ruhig zu bleiben, statt sich einzubringen?

Nein, Raum halten ist nicht kalt oder distanziert, sondern klar und stabil. Gerade dadurch, dass die eigene Energie nicht in die Dynamik des anderen einsteigt, entsteht ein sicherer Rahmen, in dem das, was der andere mitbringt, wirklich aufgefangen werden kann – das ist etwas anderes als Gleichgültigkeit.


Wie reguliere ich mich selbst, wenn mich die Emotionen eines Klienten triggern?

Zuerst geht es darum, bei sich selbst anzukommen: durchatmen, erden und sich bewusst machen: Das ist seine Geschichte, nicht meine. Was in diesem Moment im eigenen Inneren auftaucht, wird nicht unterdrückt, aber bewusst für später beiseitegelegt, etwa für Supervision oder eigene Reflexion.


Wird Raum halten mit der Zeit leichter oder bleibt es immer anstrengend?

Es wird deutlich leichter, je öfter es geübt wird. Mit der Zeit verschwindet der innere Kampf mit Mustern wie „ich muss etwas leisten” oder „ich muss eine Lösung finden” – stattdessen entsteht die Fähigkeit, einfach präsent zu sein, ohne sich mit der eigenen Energie einzumischen.

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