Ich möchte ein kleines Experiment mit dir machen.
Schließ für einen Moment die Augen und stell dir einen Hund vor.
Welche Farbe hat er? Wie groß ist er? Kurzes oder langes Fell?
Und jetzt stell dir vor, ich hätte dieselbe Frage gerade an hundert Menschen gestellt. Kein einziger hätte denselben Hund vor Augen gehabt. Braun, schwarz, weiß, gefleckt. Groß, klein, mittelgroß. Glatt, zottig, lockig. Hundert Menschen, hundert völlig verschiedene Hunde.
Das ist bei einem so harmlosen Wort wie „Hund“ schon so. Was glaubst du, was passiert, wenn jemand sagt: „Mutter“ – was fühlst du? Oder „Zuhause“ – was taucht in dir auf? Oder „Sicherheit“ – was bedeutet das für dich und kennst du das?
Warum diese Erkenntnis so entscheidend ist
Wenn ein Klient dir etwas erzählt, hörst du es unweigerlich durch deinen eigenen Filter. Durch deine Erfahrungen, deine Geschichte, deine Bilder, deine Assoziationen. Das passiert automatisch, und du kannst es gar nicht abstellen.
Das heißt: in dem Moment, wo du denkst „ich habe verstanden, was er meint“, hast du meistens verstanden, was du darunter verstehst.
Das ist nicht dasselbe.
Und wenn du aus diesem Verständnis heraus dann eine Frage stellst, eine Intervention machst, eine Richtung vorschlägst, dann arbeitest du möglicherweise an einem Thema, das gar nicht das des anderen ist. Sondern deins.
Was das in der Praxis bedeutet
Ich hatte einmal eine Ressourcenarbeit in der Ausbildung. Jemand strahlte und sagte: Meine größte Ressource ist der Brützelberg (oder so ähnlich).
Ich hatte keine Ahnung, was das ist. Keinen blassen Schimmer, wie dieser Berg aussieht, wo er liegt, was ihn besonders macht. Und dann fing die Person an zu erzählen, was man alles tolles auf diesem Berg sehen kann an Pflanzen. Auf Latein, weil sie Botanikerin war, und die Pflanzennamen kannte ich natürlich auch nicht.
Ich habe trotzdem weitergemacht. Habe einfach wiederholt, was sie sagte. Habe nachgefragt, wie es sich anfühlt, daran zu denken. Bin mitgegangen, ohne dass ich irgendetwas wirklich verstanden habe.
Am Ende sagte sie: „Boah, das war eine tolle Arbeit. Und das Tollste ist: Ich kann ihn sehen.“ Ich wusste auch hier wieder nicht, was sie meint: Vor ihrem inneren Auge? Vom Küchenfenster aus?
Ich hatte von A bis Z nicht kapiert, wovon sie redete. Und es hat trotzdem ganz wunderbar funktioniert. Weil ich nicht versucht habe, es in meinen Bezugsrahmen zu übersetzen. Ich bin ihr und ihrem Nervensystem einfach gefolgt.
Die größte Falle
Sie passiert meistens nach ungefähr fünf Minuten.
Jemand erzählt, und du hörst zu. Und dann, irgendwann, glaubst du, du weiß, worum es geht – und zwar in all seinen Facetten. Das ist unmöglich, aber trotzdem denkt ein Teil in dir, dass du jetzt schon den nächsten Schritt in Richtung Lösung gehen kannst. Aus dieser Perspektive und dem Bild, das du gerade von der Situation hast heraus stellst du eine Frage, die eigentlich ganz logisch ist – aus deiner Perspektive.
Aber aus der Perspektive des anderen kann diese Frage in eine völlig falsche Richtung gehen. Oder sie zeigt dem anderen unbewusst, dass du ihn eigentlich gar nicht gehört hast. Dass da dein Bild war, nicht seins.
Das merken Menschen. Nicht immer bewusst, aber sie merken es. Und dann verschließen sie sich ein kleines bisschen mehr.
Was du stattdessen tun kannst
Bleib im Bezugsrahmen des anderen. Das bedeutet: Benutze seine Worte, nicht deine eigenen. Frag nach, wenn etwas unklar ist. Allerdings nicht, damit du es verstehst, sondern in erster Linie, damit er es selbst noch klarer sieht. Und halte dich zurück mit dem Übersetzen.
Nicht jedes Bild muss in deinem Kopf entstehen. Es reicht, wenn es in seinem entsteht.
Das erfordert etwas, das wir in unserer Gesellschaft kaum lernen: wirklich zuzuhören, ohne gleichzeitig zu sortieren, zu bewerten, einzuordnen. Ohne schon bei der nächsten Frage zu sein, während der andere noch spricht.
Es ist eine Übung… Eine, die nie ganz fertig ist, wenn ich auf meine letzten 27 Jahre zurückblicke 🙂
Und wenn du doch in deinen Bezugsrahmen rutschst?
Das passiert… immer wieder.. dir, mir, allen Zuhörenden.
Der Unterschied ist nicht, ob es passiert. Der Unterschied ist, ob du es merkst. Ob da ein innerer Moment ist, in dem du dich fragst: „Warte! War das gerade sein Thema oder meins?“
Dieser Moment ist das entscheidende Element. Weil er dich zurückbringt zu deinem Klienten und zu dem, was er wirklich gemeint hat.
Was bedeutet Bezugsrahmen im Coaching?
Der Bezugsrahmen ist die individuelle Brille aus Erfahrungen, Geschichte, Bildern und Assoziationen, durch die jeder Mensch die Welt wahrnimmt und Gehörtes einordnet. Weil er bei jedem Menschen anders ist, verbinden zwei Personen mit demselben Wort – etwa „Zuhause” oder „Sicherheit” – oft völlig unterschiedliche innere Bilder.
Woran erkenne ich, dass ich gerade in meinem eigenen Bezugsrahmen statt im Bezugsrahmen meines Klienten arbeite?
Ein typisches Zeichen ist der Gedanke „Ich habe verstanden, was er meint”, ohne nachgefragt zu haben. Meist hat man dann verstanden, was man selbst unter dem Gesagten versteht – nicht, was der andere damit meint. Das passiert häufig schon nach wenigen Minuten, wenn man glaubt, die Situation erfasst zu haben.
Warum hören wir unweigerlich durch unseren eigenen Filter?
Weil das Gehirn Gehörtes automatisch mit eigenen Erfahrungen, Prägungen und Assoziationen abgleicht – das lässt sich nicht abschalten. Man kann sich dessen bewusst werden, aber nicht verhindern, dass es geschieht. Genau deshalb ist es so wichtig, diesen Filter zu kennen, statt ihn zu ignorieren.
Muss ich als Coach alles verstehen, was mein Klient erzählt, um gut zu begleiten?
Nein, Begleitung kann auch dann hervorragend funktionieren, wenn man inhaltlich nicht alles nachvollziehen kann. Entscheidend ist nicht das eigene Verstehen, sondern dass man dem Prozess und dem Nervensystem des Gegenübers folgt, statt das Gehörte in den eigenen Bezugsrahmen zu übersetzen.
Wie bleibe ich im Bezugsrahmen meines Klienten?
Indem man seine Worte benutzt statt eigene, nachfragt, damit der Klient selbst klarer sieht (nicht unbedingt, damit man selbst versteht), und sich mit dem Übersetzen zurückhält. Nicht jedes Bild muss im eigenen Kopf entstehen – es reicht, wenn es im Kopf des Klienten entsteht.
Was tue ich, wenn ich merke, dass ich in meinen eigenen Bezugsrahmen gerutscht bin?
Das passiert allen und ist nicht das Problem. Entscheidend ist, es zu merken. Ein kurzer innerer Moment der Frage „War das gerade sein Thema oder meins?” kann mir helfen, mich zurückzubringen zum Klienten und zu dem, was er wirklich gemeint hat.



