Deine Klientin sitzt dir gegenüber. Sie war pünktlich da und schaut dich jetzt erwartungsvoll an.
Aber ist sie wirklich angekommen?
Wahrscheinlich nicht. Noch vor zehn Minuten war sie im Stau. Oder hat schnell noch eine E-Mail geschrieben. Oder hat ihrem Kind erklärt, dass es jetzt kurz ruhig sein soll, weil gleich das Coaching anfängt. Ihr Körper sitzt bei dir oder dir gegenüber im Zoom. Ihr Nervensystem ist allerdings meist noch woanders.
Und wenn du jetzt einfach anfängst mit dem Coaching – also mit einer Frage, Intervention, einem Thema, dem Prozess – dann arbeitest du mit jemandem, der noch gar nicht aufnahmefähig ist.
Das ist so, als ob du versuchst, Wasser in ein Glas zu füllen, das noch auf dem Kopf steht.
Warum Ankommen keine Selbstverständlichkeit ist
Unser Nervensystem schaltet nicht einfach um, nur weil wir einen neuen Raum betreten (online oder offlie). Es braucht einen Moment, um zu registrieren: Ich bin jetzt hier. Es ist sicher. Ich kann loslassen, was gerade noch war.
Dieser Moment passiert nicht von alleine. Er braucht eine Einladung.
Deswegen ist Ankommen nicht optional, sondern der erste und wichtigste Schritt in jeder Begleitung. Weil alles, was danach kommt, davon abhängt, ob dein Gegenüber wirklich da ist.
Was dabei hilft, und was eher nicht
Viele denken bei Ankommen sofort an Atemübungen. Auf drei einatmen, Luft anhalten, auf sechs ausatmen. Übungen dieser Art kennt fast jeder.
Aber genau das solltest du zum Einstieg eher nicht machen. Zumindest solltest du ganz zu Beginn, wenn du den Menschen noch nicht gut kennst, keine Atemübungen machen, bei denen deine Klientin die Luft anhalten muss.
Warum? Weil du nicht weißt, wer vor dir sitzt. Auch wenn jemand ins Coaching kommt und nicht explizit erwähnt, dass er oder sie traumatisiert ist, kann das trotzdem eine Tatsache sein.
Und ein Nervensystem, das irgendwann mal etwas Erschreckendes erlebt hat, kennt das Luftanhalten schon. Es kennt es aus dem Moment des Schocks, des Schreckens, des kurzen Atemstopps, bevor alles auseinanderfällt.
Das ist nicht das Gefühl, mit dem du beginnen willst. Das könnte aber durch eine solche Übung negativ angestoßen werden.
Was stattdessen funktioniert
Es gibt viele Möglichkeiten, einen Menschen beim traumasensiblen Ankommen zu unterstützen. Eine ist:
Eine Hand auf den Bauch, eine Hand auf die Brust. Nicht den Atem beobachten, sondern die Bewegung der Hände. Wie hebt und senkt sich die untere Hand? Wie die obere? Nichts verändern wollen, einfach nur wahrnehmen.
Das klingt und ist schlicht. Aber genau das ist der Punkt.
Wenn das Nervensystem noch hochgefahren ist, braucht es keine Komplexität. Es braucht etwas Einfaches, das es sanft ins Hier und Jetzt zurückbringt.
Diese Ankommens-Elemente sind fester Bestandteil meiner Ausbildungen, damit man ausreichend Möglichkeiten für jeden Nervensystem-Typ an der Hand hat ☺
Warum das auch für dich gilt
Raum für den anderen halten kannst du nur, wenn du selbst angekommen bist. Wenn du noch mit dem letzten Termin im Kopf bist, mit der E-Mail, die du noch schreiben musst oder mit dem, was heute noch alles ansteht, dann bist du auch nicht wirklich da.
Deswegen ist Ankommen nicht nur eine Übung für dein Gegenüber. Es ist auch eine ständige Praxis für dich.
Mach es am besten, bevor deine Klientin kommt. Und wenn die Zeit gefehlt hat, kannst du es mit ihr gemeinsam machen – fällt ja nicht auf, wenn du freundlich mitmachst und auch deine Hände auf Brust und Bauch legst ;-). Es hilft dann euch beiden.
Was bedeutet „Ankommen” zu Beginn einer Coaching-Sitzung?
Ankommen bedeutet, dass nicht nur der Körper im Raum oder im Zoom-Call ist, sondern auch das Nervensystem registriert hat: Ich bin jetzt hier, es ist sicher, ich kann loslassen, was vorher war. Erst wenn dieser Moment stattgefunden hat, ist ein Mensch wirklich aufnahmefähig für den Coaching-Prozess.
Woran erkenne ich, dass meine Klientin noch nicht wirklich angekommen ist?
Auch wer pünktlich und aufmerksam wirkt, ist oft gedanklich und im Nervensystem noch beim Vorherigen: beim Termin davor, bei einer unerledigten Aufgabe oder im Alltagsstress. Wer ohne bewusstes Ankommen einfach beginnt, arbeitet mit jemandem, der noch gar nicht aufnahmefähig ist. Erkennen kann man es, wenn man das Nervensystem des Anderen lesen kann.
Warum kommt das Nervensystem nicht von allein im Hier und Jetzt an?
Weil das Nervensystem nicht automatisch umschaltet, nur weil ein neuer Raum betreten wird, ganz egal ob online oder vor Ort. Es braucht einen Moment und eine bewusste Einladung, um zu registrieren, dass jetzt Sicherheit da ist und das Vorherige losgelassen werden darf.
Sind Atemübungen mit Luftanhalten ein guter Einstieg ins Coaching?
Zu Beginn, wenn man den Menschen noch nicht gut kennt, eher nicht. Das Anhalten der Luft kennt ein Nervensystem, das etwas Erschreckendes erlebt hat, aus dem Moment des Schocks. Eine solche Übung kann dieses Erleben unbeabsichtigt anstoßen, auch wenn die Person nichts von früheren Belastungen erwähnt hat.
Welche einfache Übung hilft traumasensibel beim Ankommen?
Eine schlichte Möglichkeit: eine Hand auf den Bauch, eine auf die Brust legen und nicht den Atem, sondern die Bewegung der Hände wahrnehmen – ohne etwas verändern zu wollen. Ein hochgefahrenes Nervensystem braucht keine Komplexität, sondern etwas Einfaches, das es sanft ins Hier und Jetzt zurückführt.
Muss auch ich als Coach selbst ankommen, bevor ich eine Sitzung beginne?
Ja, denn Raum für andere halten gelingt nur, wenn man selbst wirklich präsent ist. Wer noch mit dem letzten Termin oder der nächsten Aufgabe beschäftigt ist, ist nicht wirklich da. Ankommen ist deshalb keine reine Übung für die Klientin, sondern eine ständige Praxis für beide Seiten.



