Jemand kommt zu dir ins Coaching und hat ein Thema mitgebracht. Er/sie kann es klar formulieren. Es scheint völlig klar: das ist das Thema – daran arbeiten wir heute.
Und du arbeitest damit. Paraphrasierst. Fragst nach. Bleibst dran.
Und irgendwann – manchmal nach zwanzig Minuten, manchmal nach drei Sitzungen – fällt es eine Etage tiefer. Und plötzlich zeigt sich ein ganz anderes Thema. Das, was unter dem anderen liegt und eigentlich das wirkliche Thema ist.
Das ist kein Fehler. Das ist der Prozess.
Wir kommen alle mit dem Thema, das wir benennen können
Nicht weil wir unehrlich sind. Sondern weil wir oft schlicht nicht wissen, was wirklich dahintersteckt. Das Unbewusste ist nicht böswillig – es ist nur unbewusst.
Jemand kommt mit Bauchweh zum Arzt. Was wirklich dahintersteckt: die beste Freundin ist schwer krank. Jemand bucht das zehnte Business-Coaching zum Thema Money Mindset. Was wirklich dahintersteckt: die tiefe Überzeugung, dass Erfolg bedeutet, die Menschen zu verlieren, die man liebt.
Das weiß derjenige in dem Moment nicht.
Deine Aufgabe ist nicht, das zu korrigieren. Sondern mitzugehen, bis das Eigentliche sich zeigt.
Was das für dich als Coach bedeutet
Du hörst einen Auftrag. Du nimmst ihn ernst, und du arbeitest damit.
Und gleichzeitig hältst du dich innerlich offen für das, was sich noch zeigen könnte. Nicht misstrauisch gegenüber dem, was gesagt wurde – sondern neugierig auf das, was noch kommt.
Das ist eine bestimmte Haltung. Eine, die nicht sofort einordnet, nicht zu früh bewertet, nicht nach fünf Minuten schon weiß, wo es hingeht.
Wenn du wirklich zuhörst – und damit meine ich wirklich zuhörst, nicht halb zuhörst und halb innerlich schon die nächste Frage formulierst – dann passiert manchmal etwas Merkwürdiges: Das Thema „wandert”. Es wird kleiner, präziser, tiefer. Oder es wird plötzlich ein ganz anderes.
Und genau das war dann wohl die ganze Zeit schon das Thema, aber der Klient/die Klientin wusste es selbst nicht.
Die Krux mit dem Auftrag
Du hast einen Auftrag bekommen. Den vergisst du nicht. Aber du hältst ihn locker.
Das ist der Unterschied zwischen einem Coach, der seinen Auftrag abarbeitet, und einem Coach, der wirklich begleitet.
Warum bringt ein Klient nicht immer sein eigentliches Thema mit ins Coaching?
Weil das, was wirklich dahintersteckt, oft nicht an der Oberfläche bewusst ist und dem Klienten selbst erst durch die Auseinandersetzung mit dem Thema wieder zugänglich wird. Er benennt das Thema, das er in dem Moment benennen kann – nicht aus Unehrlichkeit, sondern weil ihm das darunterliegende Thema schlicht noch nicht oder nicht mehr bewusst ist.
Woran erkenne ich als Coach, dass sich unter dem genannten Thema noch etwas anderes verbirgt?
Ein Hinweis ist, wenn sich das Thema im Verlauf der Sitzung oder über mehrere Sitzungen hinweg zu „wandern” beginnt – kleiner oder präziser wird oder plötzlich in eine ganz andere Richtung geht. Das geschieht meist erst, wenn wirklich zugehört wird, statt schon die nächste Frage oder Intervention vorzubereiten.
Warum wissen Klienten oft selbst nicht, was wirklich hinter ihrem Anliegen steckt?
Weil es sich der bewussten Wahrnehmung in diesem Moment entzieht, ohne dass die Person das steuern könnte. Ein Klient, der sich mit einem konkreten Anliegen meldet, kennt oft nur die Oberfläche dessen, was ihn wirklich beschäftigt.
Sollte ich als Coach den ursprünglichen Auftrag ignorieren, um das eigentliche Thema zu finden?
Nein, der Auftrag wird ernst genommen und damit gearbeitet, nicht beiseitegeschoben. Gleichzeitig bleibt man innerlich offen für das, was sich noch zeigen könnte – nicht misstrauisch gegenüber dem Gesagten, sondern neugierig auf das, was möglicherweise noch kommt. Als Coaches arbeiten wir gezielt nicht mit der Vergangenheit. Daher gehen wir nicht bewusst dorthin, um etwas aufzudecken. Wir bleiben einfach offen für alles, was auftaucht.
Wie bleibe ich als Coach offen für ein Thema, das sich erst noch zeigen will?
Indem wirklich zugehört wird – nicht halb, während innerlich schon die nächste Frage formuliert wird. Diese Haltung ordnet nicht zu früh ein und bewertet nicht vorschnell, sondern lässt zu, dass sich das Thema von selbst präzisiert oder verändert.
Was unterscheidet einen Coach, der den Auftrag abarbeitet, von einem, der wirklich begleitet?
Der Unterschied liegt darin, wie locker der ursprüngliche Auftrag gehalten wird. Ein Coach, der abarbeitet, hält sich strikt an das zuerst genannte Thema. Ein Coach, der begleitet, behält den Auftrag im Blick, ohne sich von ihm einengen zu lassen – und macht so Raum für das, was möglicherweise noch dahintersteckt.



