Darf ich meine eigenen Gefühle als Coach zeigen?

Irgendwo zwischen „Ich darf doch fühlen. Das ist menschlich!” und „Ich muss professionell bleiben” stecken viele Coaches fest. Übrigens sowohl Menschen, die gerade erst angefangen haben als auch erfahrene Begleiter*innen. 

Also: darf ich fühlen und darf der Klient das sehen?

Fühlen ja. Zeigen – mit Bedacht

Als Coach wirst du fühlen. Hoffentlich 🙂 Du wirst berührt werden. Du wirst Momente erleben, die dich nicht kalt lassen – vielleicht weil sie dich triggern, vielleicht, weil du sehr mitfühlen kannst. Ganz egal, was der Grund ist – Gefühle sind vollkommen normal und menschlich. Das ist nicht das Problem. Das ist sogar ein Zeichen dafür, dass du wirklich präsent bist.

Aber Präsenz bedeutet nicht: Ich bringe mein Innenleben in den Raum.

Präsenz bedeutet: Ich bin vollständig verbunden – mit mir selbst und mit meinem Coachee. Ich bleibe aufmerksam, ruhig und mit der klaren Haltung, dass es hier nicht um mich geht, sondern um mein Gegenüber. Ich fülle den Raum nicht mit meiner Geschichte, meinen Emotionen, meinen Reaktionen.

Die Krux ist die Verwechslung von Joining und Verschmelzung.

Joining – sich einstimmen, den Rhythmus des anderen aufnehmen, in seiner Sprache bleiben – ist eine der wertvollsten Fähigkeiten im Coaching. Sie schafft Vertrauen. Sie schafft Verbindung. Sie macht echte Begleitung möglich.

Verschmelzung ist das Gegenteil von Sicherheit. Wenn ich nicht mehr weiß, was meins ist und was deins – dann kann ich dich nicht mehr halten. Dann fühlt es sich für mein Gegenüber an, als ob ich selbst gerade Halt brauche.

Woran du merkst, dass die Grenze kippt

Sie kippt, wenn du in Deinen Bezugsrahmen rutschst und den des anderen damit verlässt. Wenn du z.B. anfängst, etwas von dir zu erzählen. Wenn Du so etwas sagst wie: „Das kenne ich.” Oder wenn du im Nachhinein merkst, dass dich das Gespräch noch Stunden später beschäftigt – nicht reflektierend, sondern emotional verstrickt. Wenn Du trösten willst, nicht begleiten.

Wenn dir das auffällt, dann ist auch das menschlich und nicht schlimm. Es sind einfach Hinweise auf etwas, das du in dir anschauen darfst. In der Supervision oder in einer eigenen Sitzung, die du nimmst.

Meine Emotionalität hat im Coaching-Raum nichts zu suchen. Das ist nicht mein Raum

Das ist nicht einfach nur ein Satz, sondern beschreibt, um wen es in diesem Raum geht – um deinen Klienten!

Sein Raum. Seine Geschichte. Deine Präsenz – klar, reguliert und geerdet.

Das ist professionelles Coaching.


Häufig gestellte Fragen


Darf ich als Coach eigene Gefühle im Coaching-Prozess haben?

Ja, Gefühle als Coach sind normal und sogar ein Zeichen echter Präsenz. Berührt zu werden, mitzufühlen oder sogar getriggert zu sein gehört zum Menschsein dazu – das Problem liegt nicht im Fühlen selbst, sondern darin, wie damit im Coaching-Raum umgegangen wird. 


Was ist der Unterschied zwischen Joining und Verschmelzung im Coaching?

Joining bedeutet, sich in Sprache und Rhythmus des Klienten einzustimmen, ohne die eigene Position zu verlieren – das schafft Vertrauen und Verbindung. Verschmelzung dagegen bedeutet, dass die Grenze zwischen dem eigenen Erleben und dem des Klienten verschwimmt, was Sicherheit und Halt für den Klienten gefährdet.


Woran erkenne ich, dass ich als Coach die professionelle Grenze überschreite?

Typische Anzeichen sind, in den eigenen Bezugsrahmen zu rutschen – etwa eigene Geschichten zu erzählen, „Das kenne ich” zu sagen, oder trösten statt begleiten zu wollen. Auch wenn ein Gespräch noch Stunden später emotional nachwirkt statt reflektiert nachzuklingen, ist das ein Hinweis darauf.


Bedeutet professionelle Präsenz, dass ich als Coach nichts fühlen darf?

Nein, Präsenz bedeutet nicht Gefühllosigkeit, sondern vollständige Verbindung – mit sich selbst und mit dem Klienten, ohne den Raum mit der eigenen Geschichte oder Reaktion zu füllen. Es geht nicht darum, nichts zu fühlen, sondern darum, wem der Raum gehört.


Was kann ich tun, wenn mir auffällt, dass mich ein Coaching-Gespräch emotional zu sehr mitnimmt?

Das ist ein Hinweis auf etwas, das eigene Aufmerksamkeit verdient – in Supervision oder in einer eigenen Sitzung. Es ist kein Versagen, sondern ein normaler Teil der Arbeit als Coach, diese Stellen bei sich selbst anzuschauen, statt sie zu ignorieren.


Warum wird zwischen Fühlen und Zeigen von Gefühlen im Coaching unterschieden?

Weil der Coaching-Raum dem Klienten gehört, nicht dem Coach. Gefühle zu haben, ist menschlich und unvermeidbar – sie ungefiltert in den Raum zu bringen, verschiebt jedoch den Fokus vom Klienten weg und macht aus Begleitung ungewollt eine Suche nach eigenem Halt.

Weitere Blogartikel

Der sichere Ort 

Beim Etablieren des sicheren Ortes gibt es ein klares Schema, nachdem man vorgehen kann. Allerdings ist auch hier wie immer wichtig, nicht nur das Schema

Das neue Buch von Savina Tilmann

Das Buch ist eine Liebeserklärung an das Leben – und an Dich als einen Teil davon.