Augenhöhe ist keine Frage des Titels

Stell dir vor: Ein Professor Doktor sitzt dir gegenüber. Promotion, Lehrstuhl, vermutlich mehr Bücher gelesen als du Tassen Kakao getrunken hast. Und er will ein Coaching bei dir.

Was passiert in dir?

Kennst du diesen Moment, wo sich so ein kleines, leises „Das kann ich doch nicht” meldet? Wo du anfängst, in Titeln zu rechnen, in Abschlüssen, in Lebensläufen – und plötzlich fühlst du dich nicht mehr in der Rolle als Coach, sondern mehr wie Kandidatin für ein Bewerbungsgespräch, das du nie beantragt hast? Mit einer scheiß-Angst, bewertet zu werden und auf jeden Fall durchzufallen?

Das ist menschlich. Und es ist trotzdem ein Denkfehler.

Ein Titel sagt nichts darüber aus, was jemand gerade braucht

Der Professor Doktor, der zu dir ins Coaching kommt, hat ein Thema. Vielleicht zweifelt er. Vielleicht steckt er fest. Vielleicht läuft irgendetwas in seinem Leben gerade gar nicht so rund, wie man es fälschlicherweise aus dem Lebenslauf annehmen bzw. herauslesen würde. Und mit diesem Thema – nicht mit seinem Titel, nicht mit seiner Expertise, nicht mit seinen Publikationen – kommt er zu dir und braucht deine Unterstützung.

Du weißt, wie man mit diesem Thema arbeitet. Du hast es gelernt und kannst ihn zu seiner Lösung hin begleiten.

Das ist der Punkt, um den es geht. Nicht mehr, nicht weniger.

Augenhöhe entsteht nicht aus Kompetenzgleichheit

Das ist das Missverständnis, das ich immer wieder beobachte – bei angehenden Coaches, bei erfahrenen Begleitern, manchmal auch in mir selbst. Wir denken, Augenhöhe bedeutet: Ich muss genauso viel wissen wie mein Gegenüber. Genauso gebildet sein. Genauso weit.

Nein.

Augenhöhe entsteht aus etwas ganz anderem: aus der Erkenntnis, dass wir alle Menschen sind. Mit Bedürfnissen. Mit Emotionen. Mit Sehnsüchten. Mit Stellen, wo wir nicht weiterkommen. Mit Dingen, die uns nachts wachhalten. Das hat noch keinen Doktortitel ausgehebelt und noch keine Putzfrau davon ausgeschlossen.

Wir sind in unserer Biografie unterschiedliche Wege gegangen und haben dabei unterschiedliche Kompetenzen entwickelt. Der eine kann Klavierspielen, die andere Wunden benennen, die jemand noch gar nicht in Worte gefasst hat. Das eine ist nicht mehr wert als das andere. Es ist einfach anders.

Was Titel mit uns machen – und warum das ein Problem ist

Ich habe manchmal das Bild vor Augen, ein Seminar zu veranstalten, wo die Teilnehmer am Eingang ihre biografische Identität abgeben. Kein Berufsfeld. Kein Titel. Kein „Ich bin…”. Nur ein Vorname.

Weil das, was wir über jemanden wissen, unsere Wahrnehmung einfärbt. Ob wir wollen oder nicht.

Wir packen in Schubladen. Wir sortieren ein. Wir vergleichen – uns mit ihnen, sie mit unserer inneren Vorstellung davon, wer hier eigentlich der Experte ist. Und in diesem Moment verlieren wir genau das, was wir als Coaches am dringendsten brauchen: unsere ruhige, klare Präsenz.

Ein Mensch, der zum Coaching kommt, braucht keine andere Person, die ihn beeindruckend findet. Er braucht jemanden, der ihn sieht.

Verbinde dich mit dem, was du kannst

Das ist die Antwort auf den leisen Zweifel, der aufkommt, wenn jemand mit einem beeindruckenden Lebenslauf vor dir sitzt.

Nicht: „Bin ich genauso gut wie der oder die?” Sondern: „Ich weiß, was ich kann. Und was ich kann, braucht er gerade.”

Das ist ein ganz anderes Fundament. Stabiler. Und ruhiger.

Wenn du wirklich weißt, was du kannst – aus gelebter Erfahrung heraus – dann kannst du dich auch über das freuen, was andere können. Ohne Neid. Ohne das Kleinmachen. Ohne diese unangenehme Enge, die entsteht, wenn wir uns ständig messen.

Der Professor Doktor kann Dinge, die du nicht kannst. Mit ziemlicher Sicherheit. Und du kannst Dinge, die er nicht kann. Auch mit ziemlicher Sicherheit.

Beides ist wahr. Beides ist wertig. Keins von beidem ist mehr wert.

Im Coaching-Raum gibt es immer nur Augenhöhe

Nicht weil alle gleich sind. Sondern weil alle Menschen sind.

Das ist keine romantische Idee. Das ist eine professionelle Haltung. Eine, die du dir erarbeiten musst – nicht einmal, sondern immer wieder. Die dich daran erinnert, dass deine Rolle nicht ist, beeindruckend zu sein oder mithalten zu können. Deine Rolle ist, präsent zu sein. Klar. Geerdet. In dem, was du weißt und kannst.

Alles andere ist Rauschen.

Reflexionsfrage

Was passiert in dir, wenn jemand mit einem großen Titel vor dir sitzt? Verbinde dich mal kurz mit dieser Frage – und dann mit dem, was du weißt, das du kannst. Merkst du den Unterschied?

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