Es kann sein, dass du diesen Schmerz, nicht gesehen zu werden, schon seit deiner Kindheit kennst.
Und in vielen Fällen tragen die Menschen diesen Schmerz bis ins Erwachsenenalter in sich. Und es gibt sowohl die Sehnsucht als auch den Vorwurf an die Mitmenschen: Warum versteht mich eigentlich niemand so richtig?
Ich habe eine Antwort darauf. Und sie auf jeden Fall eine befreiende.
Vollständiges Verstehen ist strukturell unmöglich.
Nicht, weil dein Gegenüber zu wenig zuhört (also das gibt es natürlich auch, aber das ist nicht der einzige Grund). Auch nicht, weil du dich irgendwie nicht richtig genug oder gut genug ausdrückst, sondern weil jeder Mensch in einem eigenen Bezugsrahmen lebt. Mit einer eigenen Geschichte, eigenen neuronalen Netzen, eigenen Erfahrungen, die das prägen, wie er die Welt wahrnimmt.
Wenn du jemandem etwas erzählst, hört er es durch all diese Filter. Er hört es durch seine Prägungen, durch das, was er erlebt hat, durch das, was er kennt und durch das, was er nicht kennt.
Das kann ein Mensch zunächst gar nicht ändern. Man kann sich das zwar bewusst machen, aber man kann nicht abschalten, dass das zunächst einmal so ist.
Was das mit dir als Coach macht.
Vielleicht bist du gerade in einer Ausbildung zum Coach oder arbeitest in Begleitung von Menschen und denkst: Ich muss meinen Klienten wirklich verstehen, um ihm helfen zu können. Ich muss wissen, was er meint. Ich muss es richtig erfassen.
Und wenn dir das nicht gelingt, kommt der Zweifel: Bin ich gut genug? Höre ich richtig zu? Fehlt mir etwas?
Nein. Dir fehlt nichts.
Was da fehlen würde, wäre etwas, was es für niemanden gibt. Auch nicht für die erfahrensten Coaches, die beste Therapeutin, die liebevollste Mutter.
Wir können einander begleiten. Wir können zuhören, spiegeln, Raum geben. Wir können nah dran sein. Aber wir werden nie vollständig im Bezugsrahmen des anderen sein, weil wir in unserem eigenen leben.
Und was ist mit dem Schmerz, selbst nicht verstanden zu werden?
Den kenne ich auch sehr gut. Den kennen die meisten Menschen. Und natürlich auch die, die in Coaching oder Therapie gehen. Oft ist das sogar einer der Gründe, warum jemand genau dahin geht.
Als kleine Kinder gab es die Zeit der Symbiose mit der primären Bezugsperson. Zu dieser Zeit gehen wir davon aus, dass wir und eben diese Bezugsperson eins sind. Mama weiß, was ich brauche, bevor ich es sage. Und das macht das Gefühl, dass es theoretisch möglich ist, vollständig gesehen zu werden, weil wir ja annehmen, dass wir nicht in getrennten Welten unterwegs sind.
Wenn diese symbiotische Erfahrung nicht gut genug war oder gar nicht stattgefunden hat, bleibt eine Sehnsucht nach diesem vollumfänglichen gesehen und verstanden werden.
Das Erschütternde und gleichzeitig Befreiende ist: Diese Sehnsucht wird sich nicht erfüllen. Nicht bei einem Partner, nicht bei einer Freundin, nicht bei einem Coach. Zumindest nicht zu 100%.
Aber eben nicht, weil diese Menschen dich nicht lieben oder sich nicht für dich interessieren, sondern weil vollständiges Verstehen eben schlicht nicht möglich ist.
Was aber dennoch möglich ist.
Etwas anderes. Und das ist etwas, das vielleicht sogar noch tiefer geht, nämlich:
Gesehen werden in dem, was jetzt gerade da ist, gehört werden in dem, was gerade gesagt wird, begleitet werden, ohne den Anspruch, vollständig erfasst zu werden.
Das ist Verbindung und nicht symbiotische Verschmelzung.
Und das ist das, was ein guter Coaching-Raum anbieten kann: Nicht vollständiges Verstehen, sondern echte Präsenz. Also den anderen wirklich ansehen, ihm wirklich zuhören, wirklich da sein. All das aber ohne so zu tun, als wüsste man, wie es sich anfühlt, in seiner Haut zu stecken.
Vielleicht ist genau das die tiefste Form von Respekt, denn so lassen wir den anderen Menschen ganz bei sich, während wir ganz bei ihm sind.
Was das für dich als Coach bedeutet.
Hör auf, vollständiges Verstehen als Maßstab zu nehmen. Sowohl für dich selbst als auch für deine Klient*innen.
Dein Job ist nicht, den anderen komplett zu erfassen. Dein Job ist, wirklich präsent zu sein. Neugierig zu bleiben. Den Bezugsrahmen des anderen so ernst zu nehmen, dass du deinen eigenen kurz zur Seite stellst.
Das ist nicht nur genug. Das ist das größte, was man machen kann für einen anderen Menschen.
Ist vollständiges Verstehen zwischen zwei Menschen überhaupt möglich?
Nein, vollständiges Verstehen ist strukturell unmöglich, weil jeder Mensch in seinem eigenen Bezugsrahmen lebt – mit eigener Geschichte, eigenen Prägungen und eigenen neuronalen Netzen. Alles, was gesagt wird, wird durch diese individuellen Filter gehört, was ein vollständiges Erfassen des anderen von Natur aus ausschließt.
Warum fühle ich mich manchmal von niemandem wirklich verstanden?
Diese Sehnsucht geht oft auf die frühe symbiotische Phase mit der primären Bezugsperson zurück, in der man annimmt, vollständig eins mit einem anderen Menschen zu sein. War diese Erfahrung nicht ausreichend, bleibt die Sehnsucht nach genau diesem vollumfänglichen Gesehenwerden bestehen – auch wenn sie sich später bei niemandem vollständig erfüllen wird.
Natürlich kann man sich auch „nicht verstanden“ fühlen, wenn das Gegenüber tatsächlich nicht zuhört, um zu verstehen, sondern um zu antworten.
Bedeutet fehlendes vollständiges Verstehen, dass mein Coach oder Gegenüber nicht gut genug zuhört?
Nicht zwangsläufig. Unvollständiges Verstehen liegt in der Natur getrennter Bezugsrahmen, nicht ausschließlich und nicht zwingend in mangelnder Zuwendung oder unzureichendem Zuhören. Selbst die erfahrensten Coaches oder die liebevollsten Bezugspersonen können ein Gegenüber niemals vollständig erfassen, weil das strukturell für niemanden möglich ist.
Sollte ich als Coach danach streben, meine Klienten vollständig zu verstehen?
Nein, dieser Anspruch führt eher zu Selbstzweifeln als zu besserer Begleitung. Wer sich fragt „Bin ich gut genug, wenn ich nicht alles erfasse?”, setzt einen Maßstab an, den niemand erfüllen kann. Der eigentliche Auftrag liegt nicht im vollständigen Verstehen, sondern in echter Präsenz.
Was kann ein Coach stattdessen anbieten, wenn vollständiges Verstehen nicht möglich ist?
Echte Präsenz statt vollständigem Erfassen – also wirklich hinsehen, zuhören und begleiten, ohne so zu tun, als wisse man genau, wie es sich für den anderen anfühlt. Das bedeutet, den Bezugsrahmen des Gegenübers ernst zu nehmen, während der eigene bewusst zur Seite gestellt wird.
Was ist der Unterschied zwischen Verbindung und dem Wunsch nach vollständigem Verstanden werden?
Verbindung bedeutet, im gegenwärtigen Moment gesehen und gehört zu werden, ohne den Anspruch auf vollständiges Erfassen. Der Wunsch nach vollständigem Verstandenwerden zielt dagegen auf eine Art Verschmelzung, die an die frühe Symbiose erinnert – etwas, das im Erwachsenenleben zwischen zwei getrennten Menschen nicht mehr möglich ist.
Der Wunsch, einfach nur gehört und im Rahmen der realistischen Möglichkeiten verstanden zu werden, ist hingegen absolut legitim.



