Es gibt einen Moment, den fast alle kennen. Man hat mit einer Klientin eine Übung gelernt oder eine Technik. Sich zu zentrieren, innezuhalten, zu atmen, Gedanken zu stoppen – ganz egal, was es ist. Es hat auch wunderbar geklappt im Praxisraum beim gemeinsamen Üben.
Und dann kommt die Klienten eines Tages in die Stunde und erzählt, dass sie völlig durchgetriggert oder unter Strom in der Weltgeschichte herumstand. Und was ist ihr in dem Moment eingefallen?
Nichts.
Das geschieht nicht, weil sie es grundsätzlich vergessen hat. Sondern weil das neuronale Netz im Gehirn, das sich an diese Übung erinnert, noch zu dünn ist. Was nicht regelmäßig geübt wird, ist in der Krise schlicht nicht abrufbar. Das Gehirn greift auf die neuronalen Netze zurück, die am stärksten und am dicksten sind – und das ist meistens nicht die Regulationsübung von letzter Woche.
Deshalb lautet die Hausaufgabe nicht: Geh in deinen sicheren Ort, wenn es dir schlecht geht. Oder: Mach die Atemübung im Stress. Sondern genau das Gegenteil: Geh dorthin, wenn es dir gut geht. Atme, wenn du entspannt bist.
Weil das der einzige Moment ist, in dem man die Ruhe hat, wirklich anzukommen. In dem man sich die Zeit nehmen kann, und in der sich ganz ohne Druck das neue neuronale Netz verdicken darf.
Stell dir vor, jemand hat wirklich Prüfungsangst. Die, die ihre Strategien vorher geübt haben, erzählen hinterher: Ich stand zitternd vor der Tür – und plötzlich ist mir eingefallen, was ich tun muss. Die, die es nicht geübt haben, erzählen: Es ist mir gar nicht in den Sinn gekommen.
Das ist keine Willensschwäche, sondern pure ist Neurologie.
Also: täglich kurz üben, wenn es gerade nicht stressig ist. Das ist eine Investition in genau den Moment, in dem man es wirklich braucht.
Was bedeutet es, ein neuronales Netz zu „verdicken”?
Ein neuronales Netz zu verdicken bedeutet, eine Nervenverbindung durch wiederholtes Üben so weit zu stärken, dass sie im Gehirn zu einer der stärksten verfügbaren Verbindungen wird. Nur dicke, gut trainierte Netze werden vom Gehirn in Stresssituationen automatisch abgerufen – dünne, selten geübte Netze bleiben in der Krise ungenutzt.
Woran erkenne ich, dass eine gelernte Übung im Ernstfall nicht abrufbar ist?
Typisch ist, dass eine Klientin im Praxisraum eine Technik problemlos anwenden kann, in der echten Stresssituation aber wie leergefegt ist – sie erinnert sich schlicht nicht daran. Das ist kein Vergessen im eigentlichen Sinn, sondern ein Zeichen dafür, dass das entsprechende neuronale Netz noch zu dünn ist.
Warum funktioniert eine Übung im ruhigen Coaching-Raum, aber nicht in der realen Krise?
Weil das Gehirn unter Stress auf die am stärksten ausgebildeten neuronalen Netze zurückgreift – und das ist in der Regel nicht die zuletzt gelernte Regulationstechnik, sondern ein altes, viel öfter genutztes Muster. Ein einzelnes gutes Üben im Praxisraum reicht nicht aus, um dagegen anzukommen.
Sollte man Entspannungs- oder Regulationsübungen nicht gerade dann trainieren, wenn man gestresst ist?
Nein, genau das Gegenteil ist wirksam. Im Stress fehlt die neuronale Ruhe, die nötig ist, damit sich ein neues Netz überhaupt festigen kann. Geübt werden sollte deshalb im entspannten Zustand – dort, wo man wirklich ankommen und sich Zeit nehmen kann, ohne Druck.
Wann ist der beste Zeitpunkt, um Regulationsübungen zu trainieren?
Der beste Zeitpunkt ist, wenn gerade kein Stress da ist. Täglich kurz zu üben, während es einem gut geht, ist die eigentliche Investition in den Moment, in dem die Technik wirklich gebraucht wird – nicht der Versuch, sie erst im Ernstfall zum ersten Mal richtig abzurufen.
Warum reicht es nicht, eine Technik einmal gelernt zu haben?
Weil ein einmal gelerntes neuronales Netz zunächst dünn und entsprechend unzuverlässig bleibt. Erst durch wiederholtes Üben in entspannten Momenten wird es stark genug, um sich gegen alte, tief eingeschliffene Reaktionsmuster durchzusetzen – das ist keine Frage von Willenskraft, sondern von Neurologie.