Stell dir vor, du sitzt jemandem gegenüber, der gerade in einer Situation ist, die alles auf den Kopf gestellt hat: Die Ehe bricht auseinander, die beste Freundin geht fremd mit dem Mann, die Angestellte, die sie zwei Jahre eingearbeitet hat, ist jetzt schwanger von ihrem Mann.
Und alle um sie herum geben ihr Ratschläge:
Trenn dich! Bleib! Schmeiß beide raus! Versuch es nochmal mit ihm! Mach einen Neuanfang alleine!
Jeder meint es gut, und jeder hat eine Idee. Und alle diese Ideen kommen aus demselben Ort: aus dem, was man selbst kennt. Aus Filmen, aus eigenen Erfahrungen, aus dem, was man schon mal gehört hat. Auf jeden Fall aus dem eigenen Repertoire.
Das Problem ist: Dein Repertoire enthält nicht die Lösung des anderen.
Was wirklich passiert, wenn du eine Lösung vorschlägst
Im besten Fall passt der Vorschlag zufällig. Der andere nickt, findet es stimmig und setzt es um. Und manchmal funktioniert das sogar.
Aber erstens ist zufällig gerade passend und hat nichts mit der Lösung zu tun, die im anderen entstanden ist. Und zweitens trägst du dann ein Stück weit die Verantwortung dafür, denn du hast es vorgeschlagen.
Das klingt abstrakt, bis man erlebt, was das wirklich bedeutet. Ich kenne eine Kollegin, die vor Jahren einer Klientin in einer Trennungssituation geraten hat, sich zu trennen. Die Klientin hat es getan. Es folgte ein jahrelanger Rosenkrieg. Und am Ende hat der Ex-Mann sich das Leben genommen und in seinem Abschiedsbrief die Klientin beschuldigt. Die Klientin wiederum hat ihre Coachin verantwortlich gemacht. Weil die das damals so gesagt hatte.
Das ist ein extremes Beispiel. Aber es zeigt, was auf dem Spiel steht, wenn wir anfangen zu denken, wir wüssten, was für jemand anderen richtig ist.
Warum wir es trotzdem tun
Weil es sich gut anfühlt, eine Antwort zu haben. Weil Hilflosigkeit aushalten schwer ist. Weil wir gelernt haben, dass man dann gebraucht wird, wenn man etwas Kluges sagt.
Und weil wir, wenn wir ehrlich sind, oft auch beweisen wollen, dass wir gut sind in dem, was wir tun.
Das ist zwar absolut menschlich. Es hat nur mit echter Begleitung wenig zu tun.
Was stattdessen möglich ist
Die Frau aus dem Beispiel oben, die mit der zerbrochenen Ehe und der schwangeren Angestellten, die gibt es wirklich. Sie hat am Ende keine der Lösungen umgesetzt, die man ihr vorgeschlagen hat. Sie hat mit der Geliebten ihres Mannes Frieden geschlossen. Die beiden haben den Mann rausgeschmissen und gemeinsam ihre zwei Töchter großgezogen und sind gemeinsam umgezogen. Sie leben heute noch, mit über achtzig, glücklich in der Toskana.
Hätte das jemand vorschlagen können? Nein. Das war nicht in irgendeinem Repertoire.
Das ist die Lösung, die aus ihr selbst herausgekommen ist. Weil irgendwann jemand aufgehört hat, ihr zu sagen, was sie tun soll und stattdessen Raum gelassen hat für das, was sich in ihr selbst zeigen wollte.
Was das für deine Arbeit bedeutet
Ergebnisoffen zu sein ist keine passive Haltung. Es ist eine aktive Entscheidung, die du immer wieder neu treffen musst. Es ist die Entscheidung, nicht zu wissen, nicht zu steuern, nicht in Richtung einer Lösung zu arbeiten, die du für richtig hältst oder die du im Kopf hast.
Deine Fragen dürfen Raum öffnen. Sie dürfen neugierig machen, einladen, verlangsamen. Aber sie sollten nie jemanden in eine Richtung drängen, die du dir ausgedacht hast.
Weil du nie weißt, was möglich ist. Wirklich nie.
Und je mehr du das als tiefe Haltung in dir trägst und danach handelst, desto mehr wirst du erleben, welche Lösungen aus Menschen herauskommen können, wenn man ihnen den Raum dafür lässt.
Es ist jedes Mal anders. Und meistens überraschend.
Warum sollte ein Coach keine Lösungen vorschlagen?
Weil Lösungsvorschläge immer aus dem eigenen Repertoire stammen: aus eigenen Erfahrungen, Filmen, Gelesenem und Gehörtem, und weil dieses Repertoire nicht die Lösung des Gegenübers enthält. Die passende Lösung entsteht im Klienten selbst und lässt sich von außen nicht vorwegnehmen.
Woran erkenne ich, dass ich gerade Ratschläge gebe, statt zu begleiten?
Ein deutliches Zeichen ist, wenn man innerlich bereits eine Richtung im Kopf hat und Fragen so stellt, dass sie den Klienten dorthin lenken. Auch das Gefühl, jetzt etwas Kluges beitragen zu müssen, weist darauf hin, dass man sich gerade im Beraten statt im Begleiten befindet.
Warum neigen wir trotzdem dazu, Lösungen vorzuschlagen?
Weil es sich gut anfühlt, eine Antwort zu haben, und weil Hilflosigkeit schwer auszuhalten ist. Hinzu kommt die Prägung, gebraucht zu werden, wenn man etwas Kluges sagt und oft auch der Wunsch, zu beweisen, dass man gut in dem ist, was man tut. Das ist menschlich, hat mit echter Begleitung aber wenig zu tun.
Was ist das Problem, wenn mein Lösungsvorschlag zufällig genau passt?
Auch ein passender Vorschlag ist nicht die Lösung, die im Klienten entstanden ist – er passt eben nur zufällig. Zusätzlich übernimmt man als Coach ein Stück Verantwortung für das Ergebnis, weil man die Richtung vorgeschlagen hat. Geht es schief, kann diese Verantwortung auf einen zurückfallen.
Was bedeutet es, im Coaching ergebnisoffen zu arbeiten?
Ergebnisoffen zu sein heißt, bewusst nicht zu wissen, nicht zu steuern und nicht auf eine Lösung hinzuarbeiten, die man selbst für richtig hält. Das ist keine passive Haltung, sondern eine aktive Entscheidung, die immer wieder neu getroffen werden muss.
Dürfen Fragen eines Coaches eine Richtung vorgeben?
Fragen dürfen Raum öffnen, neugierig machen, einladen und verlangsamen, aber niemanden in eine Richtung drängen, die sich der Coach ausgedacht hat. Je mehr diese Haltung ohne konkrete Richtung verinnerlicht ist, desto öfter entstehen Lösungen, die sich niemand von außen hätte vorstellen können.



