Parentifizierung: Warst du auch Eltern für deine Eltern?

Es gibt ein Thema, das mehr Menschen betrifft, als wir denken – und das viele von uns gar nicht so nennen würden, obwohl es mitten in ihrem Leben wirkt.
Es heißt „Parentifizierung”.
Das Fachwort klingt etwas sperrig. Man könnte es auf Deutsch übersetzen mit „Verelterung” oder „Elternwerdung” – aber nicht in Bezug auf die eigenen Kindern, sondern in Bezug auf die eigenen Eltern. Es ist etwas sehr Verbreitetes – und oft etwas sehr Schmerzhaftes, das lange unbenannt bleibt, weil man es für normal hält.

Wie kommt es dazu?

Parentifizierung bedeutet: Du wirst zur Elternfigur deiner eigenen Eltern.
Das klingt vielleicht extrem. Aber es passiert oft ganz schleichend und unbemerkt. Nämlich immer dann, wenn ein Elternteil – aus welchem Grund auch immer – nicht in der Lage war, selbst für sich zu sorgen. Das kann körperliche Erkrankung sein oder emotionale Abhängigkeit oder psychische Instabilität und mehr.
Die Krux ist: Als Kinder haben wir all das gespürt. Und wir haben darauf reagiert – so wie Kinder es tun. Wir haben uns verantwortlich gefühlt. Wir haben getan, was wir konnten, damit es Mama oder Papa gut geht.
Wir haben Sorge getragen. Wir haben Gefühle aufgefangen. Wir haben funktioniert, damit jemand anderes existieren konnte.
Das ist keine Schwäche. Das war Liebe und die Übernahme von Verantworung – gelebt in einem Alter, das dafür viel zu jung war.

Das Muster zieht mit ins Erwachsenenleben

Was einmal gelernt wurde, bleibt in der Regel nicht in der Kindheit. Nervensysteme brauchen Zeit, um etwas umzulernen. Zunächst haben sie gelernt, alles dafür zu tun, damit es Mama und / oder Papa besser geht. Neuronale Netze sind wie Datenautobahnen, die sich früh bilden. Ein neues neuronales Netz ist eher ein Trampelpfad, aber die, die wir von Kindheit an nutzen, sind wie Schnellstraßen – wir reagieren sehr schnell im Sinne dieser gewohnten Pfade..
Und so gehen viele von uns ins Erwachsenenleben und fühlen sich nach wie vor verantwortlich. Für das Wohlergehen von Partnern. Von Freundinnen. Von Kolleginnen. Manchmal sogar von Menschen, die wir kaum kennen.
Kennst du das Gefühl, dich nach jeder herrenlosen Verantwortung zu bücken?
Es ist so nachvollziehbar, dass das passiert. Es war ja einmal lebensnotwendig. Das System deiner Kindheit hat genau das von dir gebraucht.
Aber du bist jetzt nicht mehr in diesem System.

Die Frage, die alles verändert

Irgendwann lohnt es sich, ehrlich hinzuschauen. Nicht um sich selbst zu verurteilen – sondern um zu verstehen.
Die Frage lautet: Tue ich das wirklich aus Liebe – oder weil ich es so gewohnt bin? Und weil ich vielleicht Angst habe, nicht geliebt zu werden, wenn ich es nicht tue?
Das ist eine große Frage. Sie verdient Raum und Zeit. Und Ehrlichkeit.
Denn es gibt einen Unterschied zwischen „jemandem Gutes tun wollen, weil das Herz überquellt” und „jemandem helfen müssen, weil sonst etwas in dir nicht zur Ruhe kommt.”
Und dann gibt es noch eine zweite Frage, die mindestens genauso wichtig ist:
Wie viel Liebe steckt eigentlich darin, jemanden nicht in seine eigene Kraft kommen zu lassen?
Wer immer rettet, lässt dem anderen keinen Raum, sich selbst zu erleben. Ich weiß, das ist unbequem, das zu hören. Nimm es gerne einfach als eine Einladung – hinzuschauen, was wirklich in dir geschieht.

Du darfst loslassen

Das Thema Mama und Papa des kleinen Kindes – es gehört der Vergangenheit an.
Du konntest sie damals nicht retten. Und du kannst auch heute niemanden retten (außer, du bist Rettungsschwimmer und springst ins Wasser, wenn jemand dabei ist zu ertrinken). Es hilft weder den anderen Menschen noch deinem Freiwerden, wenn dich bei anderen Menschen immer wieder in dieselbe Rolle begibst.
Die Hoffnung, die dahinter steckt, ist menschlich und verständlich: Wenn ich es endlich schaffe, dass jemand durch mein Tun wirklich glücklich wird – dann bin ich frei.
Aber diese Freiheit wartet nicht am Ende des Rettens.
Sie wartet jetzt. Hier. In dir.
Du darfst dich aus diesem Muster lösen. Nicht weil du versagt hast. Nicht weil deine Liebe falsch war. Sondern weil dieses Muster alt ist – und weil du inzwischen wissen darfst, dass du für das Wohlergehen der ganzen Welt nicht zuständig bist.

Was jetzt?

Fang mit einer einzigen ehrlichen Frage an:
Wann tue ich etwas aus einem wirklich freien, liebevollen Impuls – und wann tue ich es, weil mein Inneres glaubt, es sei meine Verantwortung?
Das lässt sich nicht immer sofort beantworten. Aber allein die Frage zu stellen, ist ein Anfang.
Und wenn du merkst, dass da ein Muster ist – dann darfst du wissen: Du musst nicht mehr Elternteil für irgendjemanden sein.
Du bist. Einfach so. Als du selbst.
Das reicht.

Reflexionsfrage

Hast du dich in diesem Artikel wiedererkannt? Ich freue mich über deine Gedanken dazu – wie du das erlebt hast, wie du heute damit umgehst. Schreib mir gerne. Auch, wenn du Fragen dazu hast – ich kann sie in einen Artikel, Podcast oder einen Savina-Hot-Seat-Call mit aufnehmen.

Weitere Blogartikel

„Ich bin noch nicht gut genug.” – Wirklich?

Die meisten von uns starren nach vorne. Auf die Weiterbildung, die noch fehlt. Die Klienten, die noch nicht da sind. Die Erfahrung, die noch nicht reicht. Und irgendwie reicht es nie. Logisch, denn da vorne sind wir ja noch nicht. Aber was passiert, wenn du dich einmal umdrehst? Wenn du nicht mit deinem zukünftigen Ich vergleichst, sondern mit dem, was du schon gelernt, geleistet und durchgestanden hast?

Deine Bestimmung im Leben

Willst du wissen, für was du gedacht bist in diesem Leben? Und warum du das trotzdem nicht ganz spüren oder greifen kannst? Dann bleib dran!