Dazugehören wollen – und dabei sich selbst verlieren

Nicht dazu gehören tut weh.
Das ist keine Metapher.

Was im Gehirn passiert, wenn man ausgeschlossen wird

Forscher haben Menschen in ein MRT gelegt und simuliert, dass sie bei einem Ballspiel mitmachen – bis der Ball plötzlich nicht mehr zu ihnen geworfen wurde. Vollständiger Ausschluss, mitten im Experiment.
Das Ergebnis war eindeutig: Das Gehirnareal, das bei Ausgeschlossensein aktiv wird, ist dasselbe wie bei körperlichem Schmerz.
Nicht dazugehören ist also kein „sich anstellen”. Es ist neurobiologisch schmerzhaft.
Und genau deshalb tun wir alles, um es zu vermeiden.

Das Problem mit dieser Strategie

Wir passen uns an. Wir zeigen nicht alles. Wir halten die Klappe beim Elternabend, essen beim Grillabend Fleisch, obwohl wir das eigentlich längst nicht mehr wollen, lachen über Witze, die wir nicht lustig finden, veröffentlichen unsere Homepage nicht, weil jemand uns dann sehen und ausschließen könnte.
Nur damit wir dazugehören.
Die Krux ist: Wir gehören dadurch zu einer Gruppe, der wir gar nicht wirklich angehören. Wir sitzen am Tisch – aber die anderen sehen ja gar nicht uns. Sie sehen eine Rolle, die wir spielen.
Das ist kein Dazugehören. Das ist Tarnung.

Die Blase, die du dir selbst gebaut hast

Hier wird es interessant – und ein bisschen unbequem.
Die Menschen, die dich umgeben, sind zu einem großen Teil keine Zufälle. Deine Energie zieht bestimmte Menschen an. Du bildest eine Blase – und innerhalb dieser Blase siehst du nur das, was du siehst, weil du zeigst, was du zeigst.
Wenn du anfängst, wirklich du zu sein, verändert sich die Blase.
Vielleicht kennst du jemanden, der beim nächsten Grillabend plötzlich sagt: „Ich grill nur noch vegan.” Und plötzlich kommen zwei Nachbarn dazu und legen ihre veganen Würstchen mit drauf. Menschen, die vorher unsichtbar waren – weil sie sich auch nicht getraut hatten.
Authentizität zieht an. Nicht alle. Aber die Richtigen. Also die, die wirklich zu dir passen und für die du dich nicht mehr tarnen musst.

Dieter Bohlen als „Vorbild“

Ein Beispiel, das polarisiert – ich habe es bewusst gewählt.
Dieter Bohlen spaltet. Die einen finden ihn großartig, die anderen unerträglich. Kaum jemand ist gleichgültig.
Warum polarisiert er so? Weil er ist wie er ist. Er ist nicht netter als er es gerade in sich fühlt, nur weil jemand das von ihm möchte. Das muss man nicht gut finden. Seine Art, mit Menschen umzugehen, kann man zurecht an manchen Stellen kritisieren. Aber er ist, was er ist – ohne Tarnung, um dazu zu gehören.
Und genau das hat ihn nicht daran gehindert, erfolgreich zu sein. Menschen um sich zu haben, die ihn für genau das schätzen.
Die Lektion daraus ist nicht: Werde wie Dieter Bohlen. Die Lektion ist: Je mehr du du bist, desto mehr wird sich zeigen, wer wirklich zu dir passt – und wer nicht.
Es ist also kein Versagen, wenn plötzlich Menschen wegbrechen. Es ist Sortierung.

Spreu und Weizen – ohne Wertung

Wenn du authentischer wirst, werden sich manche Menschen von dir trennen. Oder du dich von ihnen.
Das bedeutet nicht, dass irgendjemand schlechter ist. Es bedeutet, dass ihr einfach nicht (mehr) zusammenpasst. Aus deren Sicht bist du die Spreu. Aus deiner Sicht sind sie es. Niemand ist Abfall – ihr gehört nur nicht in dieselbe Blase.
Und hier eine Frage, die es wert ist, ehrlich zu beantworten:
Zu welchen Menschen möchtest du eigentlich gar nicht gehören – und kämpfst trotzdem darum, es zu tun?
Beim Elternabend. In der Vereinssitzung. Im Familienkreis. Beim Pflichttermin mit Tante Gertrud.
Es gibt Begegnungen, die nähren – und Begegnungen, die man abarbeitet. Haken dran, erledigt für dieses Jahr.
Wenn eine Begegnung dich nicht nährt, nährt sie den anderen möglicherweise auch nicht. Weil du dort gar nicht wirklich präsent bist. Du hältst das aus.
Aushalten ist manchmal nötig. Aber es sollte nicht die Hauptzutat deines sozialen Lebens sein.

Was wirklich möglich wäre

Eine Blase, in der du dich aufhältst, ohne dich zu verbiegen. Menschen, die dich kennen – nicht die Rolle, die du spielst. Zugehörigkeit, die sich nicht anfühlt wie Arbeit.
Das gibt es. Es entsteht nicht dadurch, dass du dich noch besser anpasst.
Es entsteht dadurch, dass du aufhörst es zu tun.

Reflexionsfrage

Zu welchen Menschen gehörst du oder möchtest du gehören – und zu welchen glaubst du nur, gehören zu müssen?

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