„Ich bin noch nicht gut genug.” – Wirklich?

Die meisten von uns starren nach vorne. Auf die Weiterbildung, die noch fehlt. Die Klienten, die noch nicht da sind. Die Erfahrung, die noch nicht reicht. Und irgendwie reicht es nie. Logisch, denn da vorne sind wir ja noch nicht. Aber was passiert, wenn du dich einmal umdrehst? Wenn du nicht mit deinem zukünftigen Ich vergleichst, sondern mit dem, was du schon gelernt, geleistet und durchgestanden hast?

Lass mich dir eine Frage stellen, bevor ich weiter schreibe:

Gut genug – verglichen womit eigentlich?

Das Problem mit dem Blick nach vorne

Stell dir einen Zeitstrahl vor. Jedes Jahr deines Lebens ist ein Punkt. Du stehst irgendwo drauf – vielleicht bei 28, bei 43, bei 61. Eben an dem Punkt, der dein jetziges Alter markiert.

Was die meisten von uns tun: Sie starren nach vorne. Auf die Punkte, die noch kommen. Auf die Weiterbildung, die noch fehlt. Die Klienten, die noch nicht da sind. Die Erfahrung, die noch nicht reicht. Das Zertifikat, das noch aussteht.

Und irgendwie ist es nie genug. Logisch, weil da vorne sind wir ja auch gerade noch nicht.

Das ist kein Motivationsproblem. Das ist ein Orientierungsproblem.

Denn wer sich ständig mit dem vergleicht, was er noch nicht ist, vergleicht sich mit seinem zukünftigen Ich. Mit einer Version von sich, die es heute noch gar nicht gibt. Das ist, als würdest du mit 7 Jahren sagen: Ich kann noch nicht Integralrechnen. Es reicht nicht.

Stimmt. Und es ist trotzdem vollkommen absurd.

Dreh dich mal um

Was passiert, wenn du nicht nach vorne schaust, sondern nach hinten?

Nicht um zu hadern, oder um etwas zu bedauern. Sondern um wirklich zu sehen, was da ist im Vergleich mit der Version deiner selbst, die du jetzt bist. Wer und wie warst du, wie du heute nicht mehr bist? Was hast du noch nicht getan, was du heute tust? Was konntest du noch nicht, was du jetzt kannst?

Nimm einen durchschnittlichen Menschen mit 25 Jahren. Er kann lesen, schreiben, kochen, Auto fahren, kommunizieren, Beziehungen führen – und viele haben mit 25 bereits Verlust erlebt, Schmerz, Neuanfang. Die Synapsen haben sich in der Pubertät einmal komplett neu verschaltet. Der Körper hat sich verändert. Intuition ist entstanden – weil Intuition nur dort entsteht, wo vorher echtes Wissen und echte Erfahrung waren.

Das ist kein nur ganz kleiner Schatz. Der ist riesig! Schon mit 25 Jahren!

Und die meisten tragen ihn, ohne ihn je wirklich zu würdigen.

Wertschätzung ist keine Wellness-Übung

Ich plädiere hier nicht für Selbst-Beweihräucherung, nach der man sich zurücklehnen und aufhören kann, sich zu weiter zu entwickeln.

Es geht um etwas anderes: um einen klaren, ehrlichen Blick auf das, was man tatsächlich schon alles gelernt, geleistet, gelebt verändert hat. Schau auf alles, was du weißt… was du kannst… was du durchgestanden hast… was dich geformt hat – das Leichte und Schöne wie das Schwere und Herausfordernde.

Wenn du das alles ignorierst und trotzdem sagst: „Es reicht noch nicht” – dann sagst du im Grunde, dass das alles nicht zählt.

Das ist keine Bescheidenheit. Das ist ein blinder Fleck.

Was darf bleiben – und was darf sich ändern

Natürlich darfst du Ziele haben. Natürlich darf es noch Wünsche geben, Weiterentwicklung, den nächsten Schritt.

Nur: Das eine schließt das andere nicht aus.

Du kannst gleichzeitig wissen, wo du noch hinwillst – und klar an das sehen, wo du heute stehst.

Der Unterschied zwischen „Ich will noch wachsen” und „Ich reiche noch nicht” verändert alles.

Das eine kommt aus Neugier und Kraft. Das andere aus einem Mangel, den du dir selbst einredest.

Die einzige sinnvolle Vergleichsgröße

Vergleich dich nicht mit deinem zukünftigen Ich. Das erreichst du erst in der Zukunft – und dann wirst du wieder nach vorne schauen und wieder nicht reichen.

Vergleich dich mit dem Punkt, an dem du vor fünf Jahren standest. Oder vor zehn.

Was hast du seitdem mitgenommen?

Die Antwort darauf ist meistens stiller, echter und beeindruckender als alles, was du dir in der Zukunft noch vorstellst.

Du bist nicht auf dem Weg dahin, gut genug zu werden.

Du bist es bereits – auf dem Punkt, wo du gerade stehst.

Reflexionsfrage

Was würdest du sehen, wenn du dich heute wirklich einmal umdrehen und alles ansehen würdest, was du bis hierhin geschafft und gelernt und gemeistert hast?

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